Religion & Literatur – Dichtung, die mit Gott ringt

Am Mittwoch, 09. Mai 2023 fand die letzte Veranstaltung der Reihe Religion und Literatur statt.

Religionskritik in der Lyrik? Als Seismographen ihrer Zeit stellten auch Lyrikerinnen und Lyriker die Gottesfrage: Gibt es Gott überhaupt? Kann es Gott so geben, wie man ihn traditionell denkt? Religionskritik ist seit dem 18. Jahrhundert, der Zeit der Aufklärung, immer mehr zum Mainstream geworden; in der Lyrik manifestiert sich diese Kritik weniger in harschem Atheismus, sondern sucht ihren Ausdruck in vielfältigen Formen, die feinfühlig inneren Stimmen folgen.

An vier Abenden werden Stationen einer solchen Gottesentfremdung anhand exemplarischer Gedichte beleuchtet. Das Spektrum reicht von der Befreiung von vermeintlich überholten Gottesvorstellungen und der Verdrängung der Religion durch die Kunst bis zur radikalen Gottesanfrage durch die Schoa. Stellvertretend für diese Positionen stehen Goethe, Rilke, Benn und Paul Celan. Die Lyrikerinnen Nelly Sachs, Rose Ausländer und Hilde Domin wagen hingegen ihr trotziges «Dennoch».

Hilde Domins «Abel steh auf» und Rose Ausländers «Hoffnung»
Auch Hilde Domin, deren Name bewusst an die Dominikanische Republik anklingt, die Insel ihres Exils, verlor ihre Eltern als Folge der Nazidiktatur. Ihre Wunde brach vollends auf, als sie kurz vor dem Wiedersehen mit ihrer Mutter nach langer Trennung von deren Tod erfuhr. Das Schlüsselwort der kämpferischen Heidelberger Dichterin ist «Dennoch». «Nicht müde werden» lässt uns aufs Wunder hoffen, und mit «Abel steh auf» schreibt sie sozusagen die Bibel um. Auch  Rose Ausländer, die wie Paul Celan aus Czernowitz stammt, aber 19 Jahre älter als dieser war, wurde eine Lyrikerin mit großer Strahlkraft. Von Theodor Adornos Diktum, man könne nach Auschwitz keine Gedichte mehr schreiben, liess sie sich nicht beirren.

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