Religion & Literatur – Dichtung, die mit Gott ringt

Religionskritik in der Lyrik? Als Seismographen ihrer Zeit stellen auch Lyrikerinnen und Lyriker die Gottesfrage: Gibt es Gott überhaupt? Kann es Gott so geben, wie man ihn traditionell denkt? Religionskritik ist seit dem 18. Jahrhundert, der Zeit der Aufklärung, immer mehr zum Mainstream geworden; in der Lyrik manifestiert sich diese Kritik weniger in harschem Atheismus, sondern sucht ihren Ausdruck in vielfältigen Formen, die feinfühlig inneren Stimmen folgen.
An vier Abenden werden Stationen einer solchen Gottesentfremdung anhand exemplarischer Gedichte beleuchtet. Das Spektrum reicht von der Befreiung von vermeintlich überholten Gottesvorstellungen und der Verdrängung der Religion durch die Kunst bis zur radikalen Gottesanfrage durch die Schoa. Stellvertretend für diese Positionen stehen Goethe, Rilke, Benn und Paul Celan. Die Lyrikerinnen Nelly Sachs, Rose Ausländer und Hilde Domin wagen hingegen ihr trotziges «Dennoch».
DI 2.5.2023 – Paul Celans «Gelobt seist Du, Niemand» und Nelly Sachs’ «Chor der Geretteten»
Der in Czernowitz, also in der heutigen Ukraine aufgewachsene Paul Celan verlor seine Eltern in der Schoa, zog nach Paris und dichtete zeitlebens in der Sprache der Mörder seiner Eltern. Seine Gedichte sind das Kaddisch (jüdisches Totengebet) eines – scheinbaren? – Atheisten. Mit der «Todesfuge» schuf Celan ein Jahrhundertgedicht; «Gelobt seist du, Niemand» stellt unerbittlich die Frage nach der Abwesenheit Gottes in Auschwitz. Dennoch oder gerade deshalb verwendet Celan in seinen Texten auffällig oft religiöse Motive. Mit der Literaturnobelpreisträgerin Nelly Sachs verbindet ihn eine tiefe, aber schwierige Freundschaft: Celans Begegnung mit Sachs in Zürich offenbart ihren grundsätzlich unterschiedlichen Umgang mit der Schoa.
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