Vom Leben mit einem behinderten Geschwister

Geschwisterbeziehungen sind etwas Besonderes. Umso mehr, wenn das Geschwister eine Behinderung hat. Im Erwachsenenalter können Schwestern und Brüder für Geschwister mit einer Behinderung wichtige Bezugspersonen werden. Insbesondere dann,
wenn sie aufgrund ihrer Behinderung als Erwachsene nie völlig unabhängig werden. Wer übernimmt für den behinderten Bruder, die behinderte Schwester die Verantwortung, wenn Eltern es nicht mehr können? Wie verändert sich die Geschwisterbeziehung, wenn man nicht mehr nur Schwester oder Bruder, sondern auch Beistand ist? Auf der Grundlage des SRF-Dokumentarfilms «Unsere besonderen Brüder» diskutieren wir mit Betroffenen und Fachpersonen über die Entwicklung der Beziehungen bis ins hohe Erwachsenenalter und darüber, wie Geschwister von behinderten Menschen den Spagat zwischen Verantwortung, Geschwisterliebe und eigenen Bedürfnisse schaffen.

Gäste
— Romana Lanfranconi, Regisseurin des Films: «Unsere besonderen Brüder»
— Kilian Sigrist, Protagonist des Films «Unsere besonderen Brüder», selbständiger Körper-Psychotherapeut
— Margrith Lin, Protagonistin des Films «Unsere besonderen Brüder», Buchautorin, Prof. (em.) Dr. phil.

Leitung
Beatrice Brülhart, MSc, Paulus Akademie

 

Resümee 

«Ich habe das nicht gesucht, nehme bloss meine Verantwortung als Schwester wahr, und ich will es nochmals sagen: ich trug zuweilen schwer daran» (Erica Brühlmann-Jecklin, Brief an meinen Bruder Walter). Mit diesem Zitat aus Ihrem Buch: «Ein Bruder lebenslänglich» versuchte unser Podiumsgast Margrith Lin zu beschreiben, worum es bei diesen besonderen Geschwisterbeziehungen geht.

Erwachsene Geschwister von behinderten Brüdern und Schwestern stehen zwischen der Liebe zu ihren Geschwistern und den moralischen Verpflichtungen, die sie zum Teil ungefragt tragen. Es ist für sie immer wieder ein Seiltanz, im richtigen Masse Verantwortung für den Bruder oder die Schwester zu übernehmen und gleichzeitig den eigenen Bedürfnissen Sorge zu tragen.

So kann auch die Übernahme einer Beistandschaft zur Belastungsprobe werden. Martina Hürlimann von Procap Zürich zeigte diesbezüglich mögliche Entlastungen auf. «Es gibt verschiedene Formen von Beistandschaften und es ist möglich, zu beantragen, diese auf mehrere Personen aufzuteilen. Beispielsweise so, dass eine Amtsperson die Verantwortung für die Finanzen und Versicherungen übernimmt und das private Umfeld die Verantwortung für die weiteren Bereiche wie Wohnen, Arbeit oder Gesundheit trägt.»

Unser Podiumsgast Kilian Sigrist ergänzte dazu: «Es ist wichtig, der emotionalen Komponente einer Beistandschaft Aufmerksamkeit zu schenken.» Sigrist selbst erlebte durch die Beistandschaft eine grössere emotionale Distanz zu seinem Bruder, als durch die räumliche Distanz mit dem Wegzug nach Deutschland. Es sei von zentraler Bedeutung, dass sich die Geschwister mit den möglichen Nebenwirkungen dieser Doppelrolle als Geschwister und Beistand, Beiständin aktiv und bewusst auseinandersetzen.

Die Filmemacherin Romana Lanfranconi hat mit ihrem erfolgreichen SRF-Dokumentarfilm «Unsere besonderen Brüder» einen wertvollen Beitrag zum besseren Verständnis für die Lebensumstände der Geschwister von behinderten Menschen geleistet. Für einmal standen diese im Film und an der Veranstaltung im Rampenlicht. Sie haben dabei nicht vergessen, was sie von ihren Brüdern und Schwestern gelernt haben: Der Moment, das Hier und Jetzt ist wichtig und verdient unsere volle Aufmerksamkeit!

Text: Bea Brülhart
Bilder: Eva Lipp-Zimmermann

 

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