Studienreise nach Odessa, Kiew und Lemberg

 

Flyer der Studienreise vom 11. bis 21. Mai 2018 (PDF)

 

Die Ukraine ist der zweitgrößte Staat Europas, aber für viele ist sie «Grenzgebiet» geblieben, was der Name des Landes auf Deutsch bedeutet. Erst der Euromajdan 2013/14 und der anschliessende Krieg im äussersten Osten des Landes haben die Ukraine wieder in den Fokus gerückt. Heute ringen reformorientierte Kräfte und alte Machteliten um die zukünftige Ausrichtung des Landes.

Auf der Studienreise nach Odessa, Kiew und Lemberg wollten wir die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation des Landes näher erkunden. Zudem galt es, die religiöse Vielfalt des Landes zu entdecken, die von Christen unterschiedlicher Konfessionen, Juden und Muslimen geprägt wurde.

In Kooperation mit G2W – Ökumenisches Forum für Glauben, Religion und Gesellschaft in Ost und West

Detailliertes Reiseprogramm (PDF)

Dossier mit Artikeln zur Ukraine (PDF)

Literarturempfehlung (PDF)

Reiseleitung

Stefan Kube, Leiter Institut G2W, Ökumenisches Forum für Glauben, Religion und Gesellschaft in Ost und West

Hans-Peter von Däniken, Direktor Paulus Akademie

Reisebericht in vier Teilen

Teil 1: Das jüdische Odessa

Erstes Ziel unserer Studienreise in die Ukraine ist Odessa, die einst prachtvolle Hafenstadt am Schwarzen Meer. Schon der kurze Spaziergang entlang ihrer Boulevards macht den morbiden Charme der erst im 18. Jahrhundert vom zaristischen Russland gegründeten Stadt sichtbar. Prachtvolle Fassaden, klassizistische und Jugendstilbauten und die berühmteste Treppe der Filmgeschichte bilden die Kulisse. Die weltoffene und kulturell sehr aktive Stadt zog Menschen aus aller Welt an. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert liessen sich hier viele Juden nieder und machten Odessa nach New York und Warschau zur drittgrössten jüdischen Stadt. Zahlreiche berühmte jüdische Persönlichkeiten stammten aus dem Handelszentrum oder wohnten eine Zeitlang hier: der Schriftsteller Isaak Babel etwa, dem ein Denkmal gewidmet ist (Bild unten), oder der einflussreiche Zionist Wladimir Jabotinsky.

Vor dem Zweiten Weltkrieg war mehr als ein Drittel der Bevölkerung jüdisch. Auf unserem Rundgang durch das Stadtzentrum stossen wir immer wieder auf Überreste ihrer Kultur. Allerdings hat die systematische Verfolgung und Ermordung der Juden durch die Nazis und ihre rumänischen Schwergen viele Spuren getilgt. Heute sollen bloss noch etwa 30‘000 Juden in der Stadt leben.

Potemkische Treppe

Denkmal Isaak Babel 

 

Teil 2: Maidan – der Umbruch 2014

In fast allen unserer Gesprächen in Kiew und Lemberg kommen wir auf die Protestaktionen von 2014 auf dem Maidan in Kiew zu sprechen. Die grösste politische Zäsur in der jüngsten Geschichte des Landes hat markante Spuren hinterlassen. So nimmt Christoph Späti, stellvertretender Botschafter der Schweiz, zahlreiche positive Reformen durch die ukrainische Regierung wahr: die Stabilisierung der Volkswirtschaft etwa, eine Verbesserung der Transparenz bei der Vergabe von Staatsaufträgen, erste Zeichen einer Reform des Gesundheitssystems und mehr Bürgernähe des Staates durch Dezentralisierung. Auch der Direktor der Caritas in der Ukraine, Andrij Waskowycz, glaubt eine positive Entwicklung zu erkennen: die zunehmende Solidarisierung innerhalb der ukrainischen Bevölkerung. Allerdings führt er diese nicht allein auf die Maidan-Bewegung zurück. Das sei auch eine Folge von Putins aggressiver Politik gegen die Ukraine: Die Okkupation der Krim und die von den Russen unterstützten Kämpfe in den Ostgebieten hätten das Zusammengehörigkeitsgefühl der Ukrainer gestärkt. 

Allerdings beurteilt niemand die Entwicklungen seit dem Maidan euphorisch. Im Gegenteil: Der Enthusiasmus innerhalb der Bevölkerung sei kaum mehr spürbar. Zu belastend sind die Defizite des Staates und die Folgen der wenig entwickelten Zivilgesellschaft. Immer wieder ist von der grassierenden Korruption die Rede, von der mangelhaften Rechtssicherheit, der ineffektiven Wirtschaft und den vordergründig zwar freien, aber stark interessengesteuerten Medien. Das Thema Freiheit wird die Ukraine noch lange beschäftigen.

Maidan

Gedenken an die Opfer des Maidan 

 

Teil 3: Die Orthodoxen Kirchen und die Politik

Die religiöse Landschaft der Ukraine ist vielfältig und kompliziert – ähnlich unübersichtlich wie die ethnische und sprachliche Vielfalt des Landes. Sergii Bortnyk, der die Reisegruppe im prächtigen Höhlenkloster in Kiew empfängt, ist Vertreter der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche − Moskauer Patriarchat. Neben dieser gibt es eine zweite Ukrainisch- Orthodoxe Kirche − Kiewer Patriarchat. Diese positioniert sich als dem ukrainischen Staat nahe stehende Kirche, während jene mit dem Moskauer Patriarchat verdächtigt wird, ein verlängerter Arm Moskaus zu sein. Bortnyk, Mitarbeiter im kirchlichen Aussenamt, kennt die gegenseitigen Vorwürfe. Er führt die Spaltung auf die historisch entscheidende Wende in den Neunzigerjahren zurück, als die Sowjetunion zusammenbrach und die Ukraine ein unabhängiger Staat wurde.

Es liegt auf der Hand, dass die russische Okkupation der Krim und die von Russland gesteuerten Kämpfe in der Ostukraine das Verhältnis zwischen den beiden Schwesterkirchen nicht leichter macht. Zwar scheint für viele orthodoxe Gläubige die Trennung der Kirchen gar nicht relevant zu sein, aber darin äussert sich einmal mehr die multiple Identität der ukrainischen Bevölkerung. Man kann Bortnyk zustimmen, wenn er schreibt: «Solange sich die Kirche vom Staat distanziert und ihre Verantwortung in einem eigenen Bereich wahrnimmt, desto besser ist dies für ihr Ansehen in den Augen der Bevölkerung.» Jedenfalls ist das Vertrauen der ukrainischen Bevölkerung in die Kirche(n) immer noch wesentlich höher als jenes in den Staat und die Regierung.

Sofiakathedrale Kiew

 

Teil 4: Sprachpolitik in der Ukraine

Immer wieder werden wir von den exzellenten Deutschkenntnissen unserer ukrainischen Gäste überrascht. Juri Durkot etwa, Journalist, Publizist und Übersetzer in Lemberg, bietet sich daher als idealer Kenner der Sprachsituation in der Ukraine an. In makellosem Deutsch zählt er die Sprachgruppen auf: knapp 80 Prozent der Bevölkerung sprechen Ukrainisch, etwa 17 Prozent Russisch. Der Rest verteile sich auf Rumänisch, Weissrussisch, Polnisch etc. Während den sowjetischen Zeiten soll das Ukrainisch nach und nach verdrängt worden sein, in den Schulen war Russisch dominant. Die Russifizierung der Ukrainischen Kultur wurde aber mit dem Zerfall des sowjetischen Reichs gestoppt, seit 1991 scheint das Ukrainische wieder an Terrain zu gewinnen. Im östlichen Teil der Ukraine ist Russisch nach wie vor dominant, selbst in Kiew sei es mehrheitlich die Alltagssprache. Im Westen des Landes und auf dem Land sei Ukrainisch aber die mehrheitlich gesprochene Sprache.

Aber Durkot weiss, dass die Politik die Sprache auch instrumentalisiert. Er hält es für ein Vorurteil zu glauben, dass Russisch sprechende Bürgerinnen und Bürger politisch nach Moskau orientiert seien. Genauso sei es ein Vorurteil, alle Ukrainisch Sprechenden als Pro-Europäer zu deuten. Eine ideologisch gesteuerte Sprachpolitik erachtet er als problematisch.

Juri Durkot, Lemberg


Galerie

Hafenmole Odessa
Hafenmole Odessa
Klassizistische Fassaden in Odessa
Klassizistische Fassaden in Odessa
Oper in Odessa
Oper in Odessa
Höhlenkloster Kiew
Höhlenkloster Kiew
Lemberg
Lemberg
Natalka Sniadanko, Lemberg
Natalka Sniadanko, Lemberg
Jüdischer Friedhof, Brody
Jüdischer Friedhof, Brody
Innenstadt, Kiew
Innenstadt, Kiew